Zwischen Obsession und Gelassenheit

Werkstattgespräch mit Elmar Schenkel

Elmar Schenkel wurde bei Soest (sprich Soost) in Westfalen geboren und ist seit 1993 Professor für Anglistik an der Uni Leipzig. Er hat zwanzig Bücher geschrieben oder als Herausgeber betreut – von Aphorismen bis zu Essays und Romanen. Er ist in vier Vereinen engagiert, malt und leitet seit sieben Jahren das Studium Universale an der Universität Leipzig.
Die Fragen stellten Anna Kaleri und Teilnehmer der Prosawerkstatt am 24. Juli 2012.

Was kann man sich unter dem Studium Universale vorstellen?

Das sind Ringvorlesungen, die an der Uni jede Woche zu einem bestimmten Thema laufen. Dieses Semester hatten wir das Thema Kindheit, nächstes Semester ist es das Thema Rausch. Dazu suche ich mit Hilfe einer Arbeitsgruppe und einem Mitarbeiter nach Referenten, die schöne Vorträge halten – ob naturwissenschaftlich, medizinisch, literarisch oder künstlerisch.

Gibt es bei dieser Arbeit Korrespondenzen zu Ihrer Arbeit als Essayist?
Ich kann dort viele meiner Themen verwirklichen. Zum Beispiel hatten wir als Themen Zeit oder Wasser, Geheimnis, Glück. Es macht mir Spaß, mit Leuten in Kontakt zu treten, die darüber Vorträge halten, die wir dann auch publizieren. Man steckt dann in der Materie und kann Themen machen, die zwischen allen Dingen liegen. Das sind für mich auch essayistisch interessante Themen: das Geheimnis zum Beispiel oder das Glück, Themen, die akademisch nicht so leicht zu greifen sind. Darin liegt der Vorteil eines Essays: dass er sich in die Fugen und Ritzen hineinlässt, wo das Akademische versagt. Da sind vielleicht sogar ganz große Lücken.

In Ihrer Essaysammlung „Die elektrische Himmelsleiter“ schreiben Sie von einer Traum- und Schattenseite der Naturwissenschaften, von einer „subjektiven Diagonale“, die sich „assoziativ durch verschiedene Erkenntnisfelder zieht“.
Ja, so könnte es sein, dass man diagonal denkt. Das Assoziieren ist eigentlich ein poetischer Vorgang. Wenn Metaphern entstehen, sind es Sprünge von einem Gebiet in ein völlig anderes, das nichts damit zu tun zu haben scheint. Damit entstehen nicht nur poetische Gedanken, sondern oft auch wissenschaftliche Erkenntnis. Es gibt dazu eine Reihe von Beispielen. In der Chemie etwa träumte jemand vorm Kaminfeuer. Er suchte seit Wochen nach der Antwort, nach der Formel, nach dem Bild einer Molekularverbindung und es kam und kam nicht. Durch die Müdigkeit, diesen hypnagogen Zustand zwischen Schlaf und Wachen und den Blick auf die Flammen setzte sich etwas in Bewegung. Auf einmal sah er in den Flammen eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, und er dachte: das ist die Benzolverbindung. So hat er es jedenfalls geschildert, und man findet oft solche Geschichten in der Wissenschaftsgeschichte. Er hätte auch einen Essay schreiben können über die Verbindung zwischen der Chemie und der Schlange. Aber das müssen andere machen. Er war Wissenschaftler und er hat es für seine Erkenntnis genutzt. Aber ich denke, dass man über die Verbindung zwischen Feuer, Müdigkeit und Chemie und Schlange eine schöne Querverbindung aufbauen kann. Dann hat man ein Tipi oder eine Jurte, die man bewohnen kann – einen Gedanken.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen? Schauen Sie vor dem Einschlafen ins Feuer?
Es kommt immer darauf, wie man sich fühlt. Auf Reisen bin ich raus aus dem Skelett der Nutzung und Vernutzung und dem Unidenken. Beim Reisen entsteht eine gewisse Freiheit. Die Blickmuskeln entspannen sich, man kann hier und dahin kucken, etwas aufschreiben. Ich muss ein Notizbuch dabei haben, weil vieles sehr flüchtig ist. Ich merke es, wenn ich aus meinen Büchern vorlese, da stehen Sachen, an die würd ich mich gar nicht mehr erinnern, wenn ich sie nicht aufgeschrieben hätte. Da bin ich froh, dass ich das rechtzeitig gemacht habe… Aber es gibt keinen Königsweg, ich kann nicht sagen, dass ich mich mit Alkohol in Schwung bringe. Auch nicht mit faulen Äpfeln. Es kann am Wetter liegen, an einer Zugfahrt, an einer Müdigkeit, es gibt verschiedene Wege.

Kommen die Themen zu den Essays immer aus Ihnen selbst heraus?
Ich schreibe gern für Aufträge. Aus eigenem Antrieb schreibe ich Notizen, aber nicht Essays als Ganzes. Ich finde das Medium an sich wichtig für mich und dass ich weiß, ich kann das publizieren und es gibt jemanden, der das lesen wird.

Was bedeutet denn Essay für Sie?

Ich kann auf zwei Wegen antworten. Einmal hab ich mich damit akademisch beschäftigt. Ich hab über den englischen Essay meine Antrittsvorlesung gehalten. Es gibt auch französische und deutsche, aber in der englischen Tradition hab ich ihn kennengelernt. Da gibt es tolle Essayisten, die fangen mit der Shakespearezeit an. Francis Bacon schreibt noch sehr formal. Dann im 18. Jahrhundert gibt es Zeitungen, in der Essays über alles Mögliche publiziert werden. Das war ein richtiger Kult. In der Romantik wird es noch mal wichtig – William Hazlitt, Leigh Hunt, Charles Lamb, später Stevenson. Im 20. Jahrhundert gab es Virginia Woolf oder Chesterton.
Das wäre der akademische Zugang. Ich versuche zu erklären, wie diese Leute Essays schreiben und stelle fest: Der Essay schwebt zwischen den Gattungen, zwischen Roman und Erzählung, dem Traktat, der wissenschaftlichen Untersuchung. Er benutzt manchmal poetische Formen und manchmal abstrakte, philosophische. Die Vermischung der Formen ist wahrscheinlich wichtig für den Essay. Ursprünglich heißt Essay versuchen, vom französischen essayer. Ursprünglich hat es wohl mit Apothekern zu tun, mit dem Abwiegen von Gewichten, Kräutern, Metall. Man wägt ab. Das heißt, man hat beide Hände, nicht nur eine. Man verbindet die Dinge. Das hat mich am Essay immer interessiert, Wissenschaft, vor allem Geisteswissenschaft und Kunst, die nebeneinander her driften, zu verbinden.
Das macht der Essay in einer sehr schönen Form, bei der es einem nicht langweilig wird. Variation ist Hauptprinzip des Essays.

Entspricht der Essay Ihnen deshalb besonders?
Ich selbst muss mich immer bewegen, ich kann nicht den ganzen Morgen sitzen. Der Essay hat diese zwei Komponenten: Das meditative, aber auch das bewegte.
Wenn ich über den Essay von mir aus denke, nicht von außen von der literaturwissenschaftlichen Erkenntnis, sondern sehe, wie ich ihn schreibe, dann ist es wieder etwas ganz anderes. Das ist ein bisschen wie Auto fahren oder wissen wie es funktioniert. Ich strebe an, von beidem ein bisschen zu können…

Wie schreiben Sie denn ganz praktisch? Das Notizbuch hatten Sie schon genannt.
Ich mag das unlinierte Heftchen sehr, A6, das in die Tasche passt. Unliniert ist wichtig, Linien würden mich total nerven, das ist so eine Kontrolle von der Geometrie her. Mit Filzstift kann ich hinein zeichnen. Es wird ein Gemisch aus Visuellem und Buchstaben. Manchmal ist man in guter Stimmung, da kommen viele Ideen. Oft ist da gar nichts. Das ist interessant beim Reisen. In bestimmten Ländern komm ich unter Druck, da entstehen eher Gedanken als in anderen. So ähnlich ist es beim Zeichnen. In bestimmten Ländern habe ich überhaupt keinen Anreiz etwas abzuzeichnen, in anderen möchte ich die ganze Zeit die Häuserformen, Tempel, Kirchen, Landschaft abzeichnen.

Und dann übertragen Sie Ihre Gedanken in den Computer?

Ja. Ich habe mich lange gewehrt und Traktate gegen Computer geschrieben, natürlich auf dem PC. Die sind dann abgestürzt, zur Strafe… Ich schreib Gottseidank mit dem Computer, aber ich nehme ihn nicht mit.

Sie schreiben auch Texte gleich in den Computer?
Das sind eher die längeren Texte, Aufsätze, Artikel, auch Erzählungen, Romane.

Die Zitate und Fakten, die Ihren Essays zugrunde liegen, wie sammeln Sie die?
(scherzhaft) Es steht ja alles im Internet.
Beim Lesen mache ich mir Anstreichungen mit Bleistift und schreibe mir hinten rein, auf welcher Seite ein Gedanke steht.

Wie schaffen Sie sich Zeit zum Schreiben und Lesen neben all dem anderen?

Das Problem haben ja alle irgendwie. Ich schreibe gern, das ist Punkt eins. Ich mache keine großen Bögen drumrum. Außer bei der Doktorarbeit und Habilitation, da macht man schon eher mal Kreise… Es gibt mir das Gefühl der Befriedigung, wenn ich morgens ein, zwei Seiten geschrieben habe. Ich darf auch nicht viel schreiben, nur solange es Spaß macht. Ich mach dann Gartenarbeit oder Uniarbeit. Dann habe ich am nächsten Tag wieder Lust. Das ist das Prinzip der Variation. Man muss auch Dinge liegen lassen können. Wenn man versucht auf Biegen und Brechen einen Text bis morgen durchzuhacken, sagen wir fünf Seiten, natürlich geht das, aber dann hat man das Gefühl, es war eine große Anstrengung und dann brauch ich wieder drei Tage Ruhe. Stattdessen mache ich lieber heute eine Seite, morgen eine. Ich könnte auch nicht den ganzen Tag malen.

Beim Essay ergibt sich ja allein durch die Materialauswahl ein subjektiver Standpunkt, wie sorge ich dafür, dass es nicht beliebig wird?
Das ist eine der Hauptfragen, eine Frage, die ich mir nicht stelle, aber die sicher gestellt werden muss.
Wenn ich aufgefordert werde, einen Aufsatz zu schreiben, gehe ich von meinem subjektiven Standort los. Man versucht von dort aus ein Terrain zu erreichen, wo man etwas mehr sieht und zeigen kann, dass es nicht nur die eigene Erfahrung ist. Dann kann ich etwas über allgemeinere Dinge schreiben.

Wenn man zum Beispiel Glück nimmt, als lebensphilosophisches Thema, würden Sie dann Ihren eigenen Diskursstand mitreflektieren?
Das würde ich auf jeden Fall tun. Es gibt Hunderte von Büchern zur Glücksforschung. Es hat keinen Sinn, das zu referieren. Ich würde erst mal von mir ausgehen und Beziehungen zu dieser Forschung aufbauen und sagen, was ich bestätigen kann, was ich nicht so wichtig finde, was ich für übertrieben halte oder für eine Mode. Ich versuche zu sichten. Vielleicht können dann andere ähnliche Sichtungen für sich vornehmen. Das ist kein Versuch, die große Wahrheit der Menschheit mitzuteilen, aber wenn ich die eigene Position beschreibe, ist das schon ein Teil von Objektivität. Wenn ich sage, ich bin jetzt in Lindenau, ist das mein subjektives Befinden. Aber es ist auch objektiv so. Ich kann mein GPS anschalten, der wird mir das bestätigen. Es ist Teil der objektiven Realität, dass ich jetzt hier bin, es ist auch Teil der subjektiven Realität. Das trifft sich an diesem Punkt. Wenn ich das in einem Essay erreiche, ist es vielleicht schon mal nicht schlecht.

In wieweit unterscheidet sich der Essay von einem Kommentar, bei dem ja die eigene Diskurseingebundenheit eine große Rolle spielt?
Damit habe ich auch lange gekämpft. Mein erster Essay war über Faulheit. Aber danach habe ich meistens Kommentare geschrieben, weil ich aus der akademischen Welt komme. Es war ein Sprung, meine eigene Stimme zu entdecken und dann zu sagen, ich kommentiere zwar immer noch, kann aber einen eigenen Standpunkt einnehmen. Ich muss nicht über einen Autor oder ein anderes Werk etwas sagen, sondern ich kann etwas über diese Straße sagen oder das Phänomen einer Dichterlesung. Aber ich versuche natürlich, mich kundig zu machen, zu recherchieren. Ich kucke, was andere dazu schon geschrieben haben und baue das auf mit meinen eigenen Erfahrungen. Deren Erfahrungen sind subjektiv, meine Erfahrungen sind subjektiv, aber wenn ich einen Dialog aufbaue, wird es schon ein bisschen intersubjektiver. Das Dialogische ist ein Punkt, vom Kommentar wegzukommen. Das habe ich in der Auseinandersetzung mit Hugo Kükelhaus gelernt. Man muss direkt werden, nicht zitieren, zitieren, zitieren. Das Problem des Zitierens hängt auch mit dem Kommentar zusammen. Man tastet sich am Rand des Schwimmbeckens entlang, aber man schwimmt nicht. Das ist unsere Tradition des Kommentars, das sagen wir auch den Studenten: Ihr müsst Euch festhalten, Ihr müsst zitieren, sagen, woher Ihr das habt, dass es nicht eure eigenen Gedanken sind, damit es kein Plagiat wird.

Ich habe noch mal eine Frage zur Beliebigkeit. Bleibt es nicht beliebig, wen ich zitiere und wen ich galant unter den Tisch fallen lasse, wen vergesse?
Die meisten vergesse ich, viele kenne ich überhaupt nicht. Deswegen steht die Tür schon mal weit auf für Beliebigkeit. Allerdings kann ich von Grundproblemen sprechen, die auch von den anderen behandelt werden, ohne sie gelesen zu haben. Man muss das Phänomen selbst in den Blick bekommen, um die Beliebigkeit zu verlieren.

Gibt das Assoziative eine bestimmte Form vor?

Am Ende wäre es schön, wenn es nicht beliebig wäre. Wenn man assoziiert, weiß man nicht, was eigentlich passiert. Das ist wie wenn man eine Skulptur macht – ist es am Ende beliebig oder nicht beliebig? Will ich etwas abbilden, weiß ich, wie beliebig das ist. Will ich etwas nicht abbilden, wird es schwierig. Für die anderen ist es vielleicht beliebig, für mich nicht.

Muss man sich dafür rechtfertigen, dass ein Essay beliebig ist? Ist das ein Kritikpunkt?
Beliebig ist das Beliebte, das, was man gern hat.

Ist mit Beliebigkeit nicht auch die Frage verbunden, ob ein Essay einen Erkenntnisgewinn bringen muss, der ein Stück weit generalisierbar ist und nicht nur, wie Sie vorhin sagten, intersubjektiv?
Wenn man anfängt, solche Normen aufzustellen, das mag der Essay überhaupt nicht.
(Lachen.)
Es gibt Essays, die zur Erkenntnis beitragen, je nachdem, wie der Leser drauf ist. Aber es gibt auch viele Essays, die ästhetischen Genuss produzieren.

Wär das nicht auch ein normativer Standpunkt?
Ich meine, dass es keinen Papst oder Oberbefehlshaber gibt, der darüber bestimmt, wie ein Essay sein soll. Aber die Leute haben sicher Normen für sich aufgenommen.

Welche Rolle spielt denn Erkenntnis für Sie beim Essayschreiben?
Das sind harte Fragen, deutsche Fragen. Das ist nicht abwertend gemeint. Wir sind so gepolt, dass wir in die Tiefe bohren. Erkenntnis ist ein Wahnsinnswort. Was wäre denn die englische Entsprechung? Cognition? Knowledge?
Ich freu mich, wenn sie entsteht, wenn beim Schreiben Überraschungen auftreten. Wenn ich ins Unbekannte hineinschreibe, zum Beispiel über das Thema Fremdeln, dann verbinden sich jeden Tag neue Erinnerungen mit Erkenntnissen, möglicherweise. Das sind kleine Sprünge, man hüpft, sieht etwas Neues und es fügt sich etwas zusammen. Das ist das Gefühl der Erkenntnis, wenn etwas passt, mindestens für den Moment. Dann hat man ein sehr schönes Gefühl, so ein Flow-Gefühl. Aber manchmal kommt Erkenntnis bei ganz banalen Dingen. Etwas, das man schon lange gesucht hat, zum Beispiel einen Vergleich, hört man plötzlich in der Straßenbahn. Es gibt auch Zeiten, in denen sich das verdichtet. Man trifft auf Menschen, Ideen, Bücher und Gedanken und man sagt: das passt jetzt irgendwie. Das finde ich interessant, wenn sich Synchronizitäten und sinnvolle Muster ergeben. Das Universum hat ja auch gelegentlich solche Muster…

Muss denn etwas Allgemeingültiges herauskommen? Reicht es nicht, dass der Leser den Prozess etwas zu erkennen nachvollziehen kann?
Es gibt viele Zufälle. Bei Romanen ist es ähnlich: man liest nie zweimal denselben Roman. Ein Mensch ist in einer bestimmten Lebenssituation und besonders offen für bestimmte Probleme und ein anderer kann überhaupt nichts damit anfangen. So ist es beim Essay im weitesten Sinne auch. Für diejenigen, die auf einer ähnlichen Schwingung sind, für die ist vielleicht auch mehr Erkenntnis drin. In einem Essay geht es nicht nur um Erkenntnis, sondern um Anstoß für weitere schöpferische Vorgänge. Das ist mir auch wichtig, dass man poetische Objekte entdeckt, in seiner Umgebung oder seiner eigenen Geschichte.

Würden Sie sagen, dass es vor allem auf den Prozess, weniger auf das Produkt ankommt?
Das würden sicher viele Essayisten sagen, dass es auf den Weg ankommt, auf das Suchen, auf das Finden, auf das Vergleichen und so weiter und nicht auf das Haus, in dem man am Ende ist, oder den Friedhof, den man erreicht hat. Es gibt auch jemanden, der den Essay mit einem Spaziergang verglichen hat. Man kuckt hierhin, dann wechselt man ein paar Worte mit dem Nachbarn, spekuliert und spinnt, dann sieht man die Blumen … Das ist auch eine Form des Essays.

Schreiben Sie chronologisch, wie Ihre Gedanken ringsherum kreisen oder sortieren Sie am Ende?
Man muss wie beim Zeichnen bestimmte Akzente finden. Beim Schreiben ist das im Kern ähnlich. Aber hinterher wird noch schwer sortiert, wenn man Wiederholungen sieht oder Banalitäten, die man ausmerzen möchte. Erst ist es ein Fluss, später wird das Wasser noch mal gefiltert.

Arbeiten Sie Ihre Essays lange nach?

Ich lass sie erst ein bisschen liegen, dann zeige ich sie verschiedenen Leuten. Dann lese ich noch mal, schreibe drüber. Dann hoffe ich, dass ein guter Lektor auf der anderen Seite sitzt und noch mal etwas entdeckt und dann heraushilft. Aber es ist nicht so, dass ich mich mit einem Essay monatelang abquäle, ich versuch es dann zügig fertig zu bekommen, weil ich dann schon wieder etwas anderes schreiben möchte.

Elmar Schenkel in der Prosawerkstatt, Foto: Felix Liebermann

Wie kommt es, dass Ihre Bücher in so vielen verschiedenen Verlagen veröffentlicht werden?
Bei jedem Verlag gibt es eine andere Geschichte. Man kriegt einen schlechten Ruf, habe ich mal gehört, wenn man so viele Verlage hat, weil jeder denkt, der Autor wurde weggeworfen. Das war nicht so. Zum Beispiel hatte ich beim Beck Verlag das Buch über Exzentriker. Dann habe ich als nächstes ein Buch über Gurus vorgeschlagen. Das wollten sie nicht, sondern noch ein Buch über Exzentriker. Da habe ich gesagt, dass ich das nicht will. Es gibt genug Bücher über Exzentriker. Dann kommt man eben nicht zum nächsten Projekt.

Das Buch über Gurus haben Sie bisher nicht geschrieben?

Ich habe erstmal ein Seminar über Gurus gemacht. Ich finde das Phänomen Gurus spannend. Das würde ich gern noch ein bisschen vorstellen. Für das Buch über Kükelhaus und Leibniz war eine Verlegerin seit Jahren Feuer und Flamme. Sie kannte Kükelhaus persönlich und hat gesagt: „Jetzt schreib mal etwas über Leibniz und Kükelhaus.“ Ich habe mich in Leibniz eingearbeitet, wovon ich keine Ahnung hatte. Ich habe viel gelernt, und es hängt ja auch mit Leipzig zusammen. Das hat mir wirklich Spaß gemacht. Es ist eine kleine Verlegerin, und doch hat sie das mit viel Enthusiasmus vorangetrieben, Lesungen organisiert und so weiter. Ich suche keinen anderen Verlag für so ein Thema, wenn einer auf mich zukommt. Mit dem Reisebuch sind sie auch auf mich zugekommen. Großverlage wollen so etwas gar nicht machen. Das sind Reisefeuilletons. Entweder man ist sehr berühmt, dann machen sie es vielleicht. Aber bei einem unbekannten Autor… Kleine Verlagen sagen: Wenn wir tausend verkaufen, haben wir unsere Kosten ungefähr wieder drin. Das riskieren wir, wir finden das interessant.

Klett-Cotta ist kein so kleiner Verlag…
Bei Klett-Cotta hatte ich meinen zweiten Erzählband. Danach wollten sie unbedingt einen Roman haben. Und ich habe ein Reisebuch über Japan geschrieben. Das wollten sie nicht – erst einen Roman. Dann wechselte der Lektor, dann habe ich einen Roman geschrieben. Dann waren sie unsicher und meinten, das machen wir jetzt doch nicht. Und dann kam ein Stuttgarter Kleinverlag auf mich zu. Mit dem habe ich fünf, sechs Bücher gemacht, dann ist er eingegangen. Dann bin ich nach Leipzig gekommen und hatte in Leipzig mit Verlagen zu tun. Ich finde die Lage sehr heterogen und interessant. Mit Kleinverlagen arbeite ich gern. Die gehen viel mehr auf meine Interessen ein. Ich kann auch Zeichnungen rein nehmen. Das wäre bei Großverlagen undenkbar. So etwas machen die nicht, außer wenn ich Günter Grass heiße. Bei denen kommt Geld ins Spiel. Bei kleinen Verlagen wird das Meiste aus Freundlichkeit und Idealismus gemacht.

Bei Ihrem Aphorismusband „Die Befragung der Schwalben“ würde ein großer Verlag wohl auch eher mit dem Kopf schütteln?

Aphorismen gehen überhaupt nicht bei Großverlagen. Das ist eine ausgestorbene Gattung.

Würden Sie zustimmen, dass der Aphorismus der kleine Bruder des Essays ist?

Der Aphorismus ist auch ein Zusammenschießen von zwei Dingen, die normalerweise nicht erwartet werden. Das hat ein bisschen was mit der Metapher zu tun, und eben mit dem Essay, wo auch zwei Welten zusammenkommen. Der Aphorismus ist noch geballter, noch blitzartiger. Der Aphorismus ist eher der Blitz, und der Essay ist das Donnern hinterher.
Aphorismen finden manche Menschen ätzend. Die Gattung an sich. Es wäre typisch männlich, solche Statements abzulassen. Dekrete und so weiter.

In Ihrer Arbeit steckt sehr viel Recherchearbeit. Ich habe ich mich gefragt, inwieweit es möglich ist, auch mal Fakten zu vernachlässigen oder mit den Möglichkeiten zu spielen?
Es kommt auf das Buch an. Bei einem Essay kann man mehr mit den Möglichkeiten spielen. Man versucht schon ein bisschen dokumentarisch vorzugehen und teilweise essayistisch. Wenn ich dokumentarisch sein will, muss ich natürlich bibliographisch alles gemacht haben. Es macht auch Spaß, aber manchmal ist es viel Arbeit. Wenn man mehrere Biographien hintereinander liest, um vier Seiten über irgendeinen Typen zu schreiben… Man wird aber auch schneller, sucht nach bestimmten Dingen, die man vergleichen will. Es ist nicht so, dass ich alles gelesen habe, was im Anhang steht. Das ist das Querlesen.

Ich hab noch zu der „Elektrischen Himmelsleiter“ eine Frage: Sie beschäftigen sich inhaltlich sehr mit exzessiven, obsessiven Wissenschaftlern… Wir hatten gehört, dass Sie zwanzig Bücher geschrieben haben und da dachte ich mir, das ist bestimmt auch so ein exzessiv-obsessiver Charakter. Jetzt sagen Sie aber, das Wichtigste beim Schreiben ist das Liegenlassen. Ist die Achse zwischen Liegenlassen und obsessiven Vor-Sich-Hin-Schreiben für Sie etwas, das sich ganz intuitiv ergibt?
Ich mag schon das Intuitive, aber ich muss natürlich auch eine gewisse Disziplin haben, um die Dinge zu machen, vor allem an der Uni. Ich versuche das aber positiv zu sehen. Es ist ein befriedigendes Gefühl, wenn ich wieder so eine Bachelorarbeit auf den Stapel lege. Ja, das Schreiben… ich mache es gern, aber ich habe auch abschreckende Beispiele gesehen von obsessiven Autoren. Ein guter Freund von mir ist gestorben. Er hat wahrscheinlich hundert Bücher geschrieben. Und so sehr ich ihn schätze und auch seine Bücher, möchte ich es nicht machen, wie er es gemacht hat. Das ging wie ein Maschinengewehr und da möchte ich lieber das Intuitive und die Entspannung. Man kommt schon irgendwann zum Schreiben. Man muss entspannt bleiben. Ich schreib gern, aber es muss so kommen wie es kommt.
Ich habe vor acht Jahren bei einer Demo einen Stein an die Stirn bekommen, obwohl ich überhaupt nicht beteiligt war. Der flog mir an die Stirn und das hätte eigentlich das Aus sein können. Es war kurz vor Augen und Schläfe, ein Pflasterstein. Seitdem sage ich mir, alles was danach kommt, musst du entspannt nehmen. Es ist alles ein Geschenk, es hätte ja auch schon zu Ende sein können.

Vielleicht können Sie zu Abschluss bei uns etwas ins Rollen bringen – und zwar suchen wir ein Essaythema. Worüber würden Sie gern vergleichend Essays lesen?
Über Steine würde ich gern etwas lesen, die finde ich sehr interessant, sie bewegen sich, sie ruhen…. Es ist sehr kosmisch, Sternenmaterial. Da gibt es ein tolles Buch von Roger Caillois, einem französischer Autor, es heißt „Steine“ und ist bei Hanser erschienen. Die Geschichten, die sich in Steinen entwickeln, die Legenden und Mythen.

Dann vielen Dank, ich fand das ein sehr anregendes Gespräch…
Ja, vielen Dank, ich auch. Vielen Dank für die Fragen, meistens stellt man sich selbst ja keine Fragen, das ist ja so.

Transkription: Anna Kaleri, Kristin Sprechert

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3 Antworten auf Zwischen Obsession und Gelassenheit

  1. ein sehr interessantes Interview… Mit Elmar Schenkel beginnt immer ein Stein ins Rollen zu kommen, nicht nur einer. Es ist ein fortlaufendes, sich erweiterndes Geröll in spannungsreicher Bewegung in alle Richtungen.
    Das werden Sie durch ihre Fragen selber erlebt haben.
    Leider sind einige kleine Fehler im Text. Wird dieser wo publiziert?
    Ihnen und Ihrer Truppe viele solche anregenden Augenblicke, wobei im Nu eine Mine mit Folgen losgetreten wird, die für den Schreibprozess sehr notwendig sind! Das Daedalus-Feuer muss schließlich immer brennend gehalten werden.

  2. admin sagt:

    Vielen Dank für Ihre Gedanken. Das Interview ist ja bereits publiziert: auf dieser Seite. Freundliche Grüße!

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