Gondelfahrt I

von Cordula Krause, 2009

Was denkt man, wenn man in einer Gondel steht, die vierzig Leute fasst, und in der auch vierzig Leute stehen, dicht an dicht, sehr dicht, und diese Gondel an einem Stahlseil 1600 Höhenmeter hochgezogen wird von der Talstation in Chamonix zur Mittelstation auf den Balkons du Chamonix, und man durch die Fenster der Gondel schaut und den Boden entschwinden sieht, das Kribbeln in der Magengegend unterdrückend und sich einredend, dass das jetzt wie Fahrstuhl fahren ist, was denkt man, wenn in der Frontseite der Gondel plötzlich ein Tumult losgeht, die Leute von vorn zurückweichen und sich noch mehr zusammenquetschen, weil sie Abstand nehmen wollen und man nicht weiß wovon. Was hofft man, wenn nach lautem Geschrei aller in der Gondel befindlichen Italiener der Gondelwart auf Englisch droht, die Gondel sofort anzuhalten, weil sie schon beachtlich schwankt, hat man da Angst vor irgendwas? Was denkt man, wenn dann dort vorn eine Rangelei beginnt, und der Gondelwart laut zur Besonnenheit mahnt, nach nicht enden wollendem Geschrei ankündigt, dass er die Polizei an die Mittelstation beordert, um den Fall zu klären? Was hofft man?
Was denkt man, wenn man den blutigen Arm des lärmenden Mannes sieht, den er hochreckt, und mit dem kleinen Wortschatz an Italienisch, den man beherrscht, herausbekommt, dass eine Frau ihm in den Arm gebissen hat, und das alles nur geschah, weil sie um den Fensterplatz kämpften, er, weil er filmen und sie, weil sie schauen wollte?
Wie fühlt man sich, wenn man oben angekommen ist und aus dieser engen, schwankenden Gondel aussteigen kann?

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