Eine Frage, Herr Esterházy

Peter Esterházy, Jahrgang 1950, studierte Mathematik an der Universität Budapest. Seit 1978 arbeitet er als freiberuflicher Schriftsteller. Auf Deutsch sind von ihm bisher zwanzig Bücher erschienen, darunter der Novellenband „Fancsikó und Pinta“« (ungarische Erstveröffentlichung 1976), „Eine Frau“ (1995), „Harmonia Cælestis“ (2000) und „Verbesserte Ausgabe“ (2002). Péter Esterházy wurde u.a. mit dem Ungarischen Literaturpreis und dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Foto: privat, alle Rechte vorbehalten

Gabriele F.-S.
Was würden Sie einem Erstlingsautor als die besten Zutaten zu einem erfolgreichen Roman empfehlen?
Zutaten? Gibt es Zutaten bei einem Roman? Ich wollte nie einen erfolgreichen Roman schreiben, nur einen Roman – auch in der Hoffnung, dass er erfolgreich wird. Ich habe beim Schreiben so viele Probleme, dass ich nicht nach „außen“ schauen kann, das heißt, dass ich nur mit jenen Zutaten etwas anfangen kann, die für mich so oder so wichtig sind. Das sind die besten Zutaten und die führen mal zu einem erfolgreichen Roman, mal nicht. Ich glaube nicht, dass es Rezepte gibt. Falls ja, sind sie sehr persönlich. Man muss alles selber (heraus)finden. Man kann lernen – durch lesen oder von sich selbst.

Jannine K.
Wie wahrt man, auch über viele Jahre hinweg, seinen eigenen Anspruch an die Qualität von Literatur?
Also was sonst? Warum sollte dieser Anspruch nachlassen? Meinen Sie, das wäre ein natürlicher Vorgang? Es gibt Müdigkeit, Routine, Unbegabtheit, das ja – aber dann entsteht keine Literatur. Ich will mir diese Naivität bewahren.

Iris K.
Für wen schreiben Sie?
Für Sie. Also für mich, hoffend, dass das auch andere als sich betreffend empfinden. Manchmal denke ich, dass ich für die Literatur selbst schreibe, das würde vielleicht bedeuten, dass ich die noch fehlenden Texte schreibe. Letzteres würde ich nicht unbedingt bescheiden nennen.

Karl V.
Ist das Verwenden älterer Texte einfaches Kopieren zur Arbeitserleichterung oder wandelt sich durch die Verarbeitung des Textes dieser in etwas Neues?
Schon existierende Texte verwenden – das ist keine leichte Arbeit. Darüber könnte man (ich) lang reden. Ein wiederholter Text kann als Motiv gelten, kann Brücken schlagen zwischen Texten. So ein Text hat auch immer etwas Fremdes, und diese Fremdheit ist wie ein Riss im Text, etwas Dramatisches also, wie ein Beben, der Text bebt oder wackelt, und für mich kann diese feine Bewegung wichtig sein. (Natürlich kann man dieses Verfahren auch missbrauchen.)

Martina E.
Welches überraschende Detail hat Sie zu einer Buchidee inspiriert?
Ich habe lange nachgedacht, aber es ist eher ein Prozess, der zu einem Buch führt. Halbwegs zynisch könnte ich natürlich mein Buch „Verbesserte Ausgabe“ erwähnen. Ein überraschendes Detail, das ich erfahren habe – mein Vater war IM – hat mich tatsächlich zu einer Buchidee inspiriert. Aber das war nur ein schlechter Scherz.

Anne S.
Meinen Sie, dass Verlage bei der Prüfung eines Manuskripts von einem bekannten Autor weniger zaghaft sind, als bei einem unbekannten Autor?
Ich glaube, ja. Das ist zwar falsch, aber nicht unlogisch. Falsch, denn nicht nur jeder neue Autor, sondern jedes neue Buch meldet sich mit dem Anspruch, die Literatur zu verändern. Da gibt es mehrere Arten von Risiko, z.B. dass man sich als Verlag nicht unbedingt auskennt mit diesem Neuen. Bekanntheit vermindert vielleicht dieses Risiko. Ein Verlag ist nicht nur ein Ort für Freiheit und Geist (wenn alles optimal läuft), sondern auch ein Arbeitsstelle, ein Büro und nicht zuletzt ein Unternehmen. Money, money, money.

Bettina H.
Welche Rolle spielt die Auswahl eines Verlages bei der Veröffentlichung? Gilt: Je größer der Verlag, je besser der Vertreib? Je kleiner der Verlag, je besser der Kontakt zum Lektor?
Ich habe gute und schlechte Erfahrungen sowohl mit großen als auch mit kleinen Verlagen. Ganz durcheinander – mit den Optionen, die Sie aufgezählt haben. Großer Verlag, guter Lektor, schlechter Vertrieb; kleiner Verlag, schlechte(r) Lektor(in), guter Vertrieb etc., es gibt alles. Meistens hat man sowieso keine Wahl. Wenn doch, dann hat man zu wenig Informationen. Aber man macht sich natürlich immer Gedanken. Und manchmal kann man schon ahnen, dass zum Beispiel ein leises, kleines Buch (bei mir sagen wir „Fancsikó und Pinta“) bei einem auf Erfolg eingestellten amerikanischen Großverlag kein gutes Leben haben wird. Aber das wissen leider auch diese Verlage und nehmen das Buch gar nicht…

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