Eine Frage, Herr Brussig

Thomas Brussig, Jahrgang 1964, studierte Soziologie und Dramaturgie. Er debütierte 1991 mit dem Roman „Wasserfarben“. 1995 erschien „Helden wie wir“, 1999 „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“, 2001 „Leben bis Männer“, 2004 „Wie es leuchtet“, 2007 „Schiedsrichter fertig“, und „Berliner Orgie“. Thomas Brussig arbeitet an Filmen mit Regisseuren wie Leander Haußmann und Edgar Reitz. Im Januar 2011 lief das Musical „Hinterm Horizont“ mit der Musik von Udo Lindenberg an.
Foto: privat

Frage von Katharina B.
Was für eine Situation (oder was für ein Impuls) war das, als Sie sich hingesetzt haben und die erste Zeile für Ihr erstes Buch geschrieben haben?
Ich habe mein erstes Buch nicht chronologisch geschrieben, d.h., ich habe nicht mit der ersten Seite begonnen. Urknallmäßiger Auslöser war die Lektüre eines anderen Buches, bei dem ich, während ich es las, dachte: So musst dus machen! Bzw. jubilierte ich fortwährend: Es geht – wenn du es so machst!

Frage von Anna-Katharina P.
Wie gelingt es mir, aus schon geschriebenen kleinen Geschichten, Episoden, literarischen Versuchen eine zusammen hängende größere Geschichte zu schreiben?
Ich verstehe diese Frage als eine Frage nach dem Roman, und ich spreche Ihnen erst mal meine Anerkennung aus, dass diese Kategorie Ihnen noch so viel Respekt einflößt, dass Sie das Wort Roman in Ihrer Frage nicht verwenden. – Kundera sagt in seinem sehr lesenswerten Werk „Die Kunst des Romans“, dass am Anfang des Romans (als Auslöser für den Schreibprozess) eine Fragestellung steht. Etwa: Kann ich schwul und trotzdem glücklich sein? Warum gerate ich immer an gewalttätige Männer? Oder: Warum taugt die Demokratie nichts?, usw. Wenn es also in ihrem Leben eine Frage gibt, die Sie wirklich beschäftigt, und wenn Sie das Naturell eines Romanciers haben, dann werden sich die Episoden, kleineren Geschichten usw. unter dem Dach dieser Fragestellung vereinigen lassen. Ansonsten empfehle ich die Methode, wie sie in Kehlmanns „Ruhm“ oder in Uwe Timms „Das Flüstern eines Kleides“ verwendet wird, wo nämlich eigentlich lose Geschichten mittels unmerklicher Berührungen (bei Timm) bzw. recht deutlicher Verschränkungen (Kehlmann) zu einem „losen Ganzen“ vernäht werden.

Frage von Gabriele F.-S.
Was würden Sie einem Erstlingsautor als die besten Zutaten zu einem erfolgreichen Roman empfehlen?
Ich gebe zu bedenken, dass es, obwohl es Bücher gibt, die behaupten, die entsprechenden Zutaten zu kennen, doch auch zahllose Flops gibt. Und Erfolge, die sich an nichts halten, was in den Zutatenbüchern empfohlen wird. Ein Erstlingsautor kann sich schon mal was drauf einbilden, wenn er seinen Roman überhaupt fertig kriegt. Der Roman ist nun mal die Königsklasse, und man kann an jeder Stelle scheitern, ohne es zu merken. Deshalb: Überlegen Sie sich, wie das Buch aussehen müsste, nach dem Sie total heiß wären. Das Buch, mit dem Sie jeden zuquatschen würden, wenn es es gäbe, und das Sie breit verschenken würden. Wenn Sie das wissen, dann müssen Sie sich nur noch hinsetzen und das Ding selbst schreiben. Merke Billy Wilder: Einen Erfolg zu landen, ist wie einen Blitz in der Flasche zu fangen.

Frage von Julia K.
Wo beginnt für Sie Fiktion?
Eine sehr theoretische Frage. Ich kann von meinen eigenen Sachen immer sagen, ob es Fiktion ist oder nicht. Wenn ich es begründen soll: Fiktion beginnt dort, wo ich die Fesseln des Realen abstreifen darf und das – eben noch reale – Geschehen im Sinne meines Anliegens, meiner Fragestellung (siehe oben) gestalten darf. Die Fiktion beginnt also dort, wo es eigentlich keine Rolle mehr spielt, ob etwas wirklich stattgefunden hat. Aber Achtung: Die Glaubwürdigkeitsanforderungen an Fiktion sind höher als die an das Leben. Es passieren immer wieder Dinge, die darf man sich nicht ausdenken. Zufälle werden im Leben gern genommen, in der Fiktion sind sie Ausdruck von Unbeholfenheit. Und am Ende ist die schönste Fiktion jedoch die, bei der einem das Publikum nicht glaubt, man habe sich das „nur ausgedacht“. So geht es zumindest mir.

Frage von Torsten F.
Muss man erst tief gefallen sein, um authentisch zu schreiben? Was nehmen Sie aus Ihrem persönlichen Tiefpunkt mit? Und was aus den Höhepunkten?
Das sind ja gleich drei Fragen. Zu Frage eins: Nein, glaube ich nicht. Ich kann mir auch vorstellen, das Buch eines glücklichen Menschen mit Gewinn zu lesen. Krisen sind aber oft Anlass für eine schonungslose Auseinandersetzung. Die lauen Antworten, die lasche Sprache usw., damit wird Schluss gemacht und der Weg ist frei für eine Radikalität, die interessant ist und für die in der Literatur auch immer der richtige Platz ist.
Die Fragen zwei und drei wären eher etwas für, na, sagen wir mal, Martin Walser. Ich thematisiere mich nicht so gern und ich glaube, dass ich meine glücklichsten und auch meine unglücklichsten Momente nicht thematisiere (und was ich sonst aus ihnen mitnehme, geht hier niemanden etwas an). Würden Sie nun spitzfindig zurückfragen: Wären Ihre Bücher dieselben, wenn Sie in Ihrem Leben ganz andere Höhe- und Tiefpunkte erlebt hätten?, dann würde ich antworten: Vermutlich ja.

Frage von Iris K.
Für wen schreiben Sie?
Dazu habe ich schon in Antwort 2 etwas gesagt. Also: Ich schreibe für mich – und für die, die meine Bücher lesen. In der Literatur ist das Festhalten am eigenen Entwurf, das Ausblenden der Erwartungen eines imaginierten Publikums ganz wichtig. Ein Buch, das nach Mehrheiten schielt, stinkt.

Frage von Sylvia T.
Welche (persönliche) Grenze würden Sie nicht überschreiten, auch wenn dieser Übertritt Ihnen garantiert zu einem erfolgreichen Buch verhelfen würde?
Diese Frage hat sich nie gestellt, weil ich erstens die Erfolgsmechanismen nicht durchschaue und, zweitens, beim Schreiben auch nicht an Erfolg denke. (Erst, wenn das Manuskript fertig ist, denke ich darüber nach, was jetzt geschehen sollte.) – Ich habe aber ein Credo, dass keiner meiner Charaktere (egal, ob im Roman, im Film oder auf der Bühne) etwas tut, was ich mir nicht irgendwie – und sei es im entferntesten, entlegensten Winkel meiner dunklen Seele – auch für mich vorstellen könnte. Was nicht heißt: Was ich schreibe, ist immer ich. Lügner und Trickser kommen deshalb immer mal bei mir vor, Mörder weniger, und mit Psychopathen habe ich gar keine Freude.

Frage von Karl V.
Ist der verträumte Blick auf die DDR immer noch möglich oder dürfen wir uns nur an die harten Fakten der Geschichte halten?
Zunächst denke ich, dass in der Literatur alles möglich ist, und dass es kein herrschendes Paradigma gibt, wie auf die DDR zu schauen ist. Und wenn es das gäbe, dann ist die literarische Öffentlichkeit intelligent genug, bei einem Buch, das diesem Paradigma widerspricht, ansonsten aber überzeugt, das Paradigma umzustoßen. Alle Theorien gelten doch nur bis zum Moment ihrer Widerlegung.

Frage von Martina E.
An welchem verrückten Ort ist Ihnen eine besondere Idee gekommen?
Sorry, das ist die erste Frage, bei der ich Zweifel habe, ob sie von einer Schreibenden stammt. Was ist eine „besondere Idee“? Es mag handlungskonstituierende Ideen geben – aber entscheidend ist doch, wie ideenreich (sprich: wie gekonnt) das ganze unterfüttert ist. Die meisten (und vermutlich auch die brauchbarsten Ideen) kommen mir immer noch am Schreibtisch.

Frage von Katja B.
Wie kann ich mich nach einer langen Schreibpause motivieren wieder mit Schreiben anzufangen?
Lesen Sie. Lesen Sie viel. Irgendwann wird Ihnen ein Buch unterkommen, zu dem Sie sich in Beziehung setzen wollen, zu dem sie etwas beisteuern, etwas fortführen oder etwas dagegen setzen wollen. Die Bücher der anderen waren mir oft eine wichtige Motivation und Inspiration. Lesen Sie meinetwegen auch das eigene, liegengebliebene. Inzwischen ist doch was passiert, das Anlass sein könnte, etwas zu verändern. Manches wird Ihnen auch peinlich sein, wieder zu lesen, aber das ist egal, denn noch kennt es ja keiner.

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