Bilderrätsel

von Marion Pelny, 2010

Friedrich trat mit dem Tablett aus der Teeküche. Dass Gäste seiner Galerie einfach verschwanden, ohne sich zu verabschieden, daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. Aber dass aus der jungen Frau, die er eben noch begrüßt und der er einen Tee angeboten hatte, plötzlich ein grau melierter älterer Herr geworden war, das war zweifellos ein neues Ereignis. Friedrich versuchte – wie immer in solchen Situationen – so zu tun, als wäre nichts geschehen. Er setzte das Tablett auf dem kleinen Glastisch ab, neben dem zwei Besuchersessel zum Verweilen einluden. Dort, wo eben noch die blonde junge Frau mit ihrer Zeichenmappe gesessen hatte, saß nun dieser fremde Herr – ohne Zeichenmappe – und lächelte ihn an.
„Zucker?“ fragte Friedrich. Der Mann schüttelte den Kopf. Friedrich goss ihm ein, stellte die Tasse ab, setzte sich in den anderen Sessel, goss sich ebenfalls ein und begann, langsam den heißen Tee zu schlürfen. Dabei wurde er das Gefühl nicht los, den Mann irgendwo schon mal gesehen zu haben. Dann fiel ihm ein: wenn der Fremde nicht die Frau von vorhin war, hatte er ihn noch nicht einmal ordentlich begrüßt. Er stellte seine Tasse vorsichtig wieder auf die Glasplatte und reichte seine Hand über den Tisch.
„Neumeier, Friedrich Neumeier.“
„Ich weiß.“
Friedrich ärgerte sich. Klar doch, er hatte sich ja vorhin schon vorgestellt. Niemand hatte nach dem Erscheinen der jungen Frau die Galerie verlassen oder betreten. Also saß sie immer noch vor ihm, in Gestalt dieses Herren, der ihn zugegebenermaßen weit weniger interessierte. Friedrich kam sich vor wie ein Autofahrer, der wegen einer jungen, attraktiven Frau am Straßenrand angehalten hatte und am Ende mit einer Horde junger Männer, die im Gebüsch versteckt waren, weiter fahren musste. Er hörte kaum hin, als der Fremde sich vorstellte:
„Bernhard, Karl Bernhard.“
Friedrich nickte abwesend. Er wollte gar nicht wissen, was dieser Herr Bernhard hier wollte und schlürfte weiter seinen Tee. Sein Vater hatte wohl Recht, dass er sich zu allem, nur nicht zu einem erfolgreichen Galeristen eignete. Er ließ zum hundertsten Mal seine Blicke über die Bilder schweifen, deren Herkunft ihm ein Rätsel war. Er hatte sie übernommen, als er die Galerie anmietete. Der vorherige Mieter, so wurde ihm gesagt, hätte die Miete nicht mehr gezahlt und sei nicht mehr auffindbar gewesen. Deshalb mietete Friedrich die Galerie mitsamt den Bildern darin. Er hatte gehofft, vielleicht das eine oder andere Bild zu verkaufen. Die Signaturen waren nicht zu entziffern, ließen aber vermuten, dass alle Bilder von einer Person gemalt worden waren. Leider war es nicht sein einziges Problem, dass er keines dieser Bilder verkauft hatte. Seine Ersparnisse lösten sich mehr und mehr in Wohlgefallen auf, während sich aus ihm schleierhaften Gründen auch kein anderer Künstler entschließen konnte, seine Bilder hier auszustellen.
Am Anfang war er noch voller Hoffnung. Die Galerie hatte eine gute Lage. Zwei, drei Mal die Woche betrat eine erwartungsfrohe Gestalt mit Zeichenmappe die Galerie. Doch Friedrich bekam nie auch nur eines der Bilder zu Gesicht. Die Gestalten verschwanden wieder, bevor er überhaupt einen Blick auf ihre Bilder werfen konnte. Sobald er ihnen den Rücken zudrehte, waren sie weg. Einfach weg. Fast wahnhaft versuchte er später, sie immer im Blick zu behalten. Aber selbst ein Wimpernschlag genügte, um sie verschwinden zu lassen. Er hatte keine Ahnung, wie, warum und geschweige denn auf welche Weise sie die Galerie wieder verließen. Die Eingangstür war groß und aus massivem Holz. Beim Öffnen und Schließen knarrte sie unüberhörbar. Niemals, und das hätte Friedrich schwören können, hatte er die Tür knarren gehört, wenn seine Gäste einfach so wieder verschwanden. Eigentlich – fiel ihm jetzt auf – war es ein Wunder, dass dieser Herr immer noch hier saß. Dieser Gedanke überraschte ihn und lenkte nun doch seine Aufmerksamkeit auf Herrn Bernhard.
„Möchten Sie ein Bild kaufen?“ fragte er, weil ihm nichts anderes einfiel und er auch an der Hoffnung festhalten wollte, vielleicht doch noch eins von den Bildern loszuwerden.
„Nein“, sagte der Mann, was Friedrich nicht überraschte. Er gab trotzdem nicht auf. „Vielleicht dieses hier, die Stadtansicht in der blauen Stunde. Sehen Sie nur, wie hervorragend…“ Friedrich stockte, stand auf und trat näher an das Bild. Unwillkürlich rieb er die Augen. Er glaubte, in einem der Fenster einen Schatten gesehen zu haben. Einen beweglichen. Mein Gott, diese Bilder, die machten ihn ganz verrückt.
„Oder dieses hier“, lenkte er ab und wies auf den Strand und die schäumenden Wellen auf dem nächsten Bild. Da entdeckte er am Rand eines der Strandkörbe ein baumelndes Bein. Nicht dass es aussah wie ein baumelndes Bein, nein, es baumelte wirklich. Friedrich wurde schlecht. Er wagte kaum, den Blick auf ein weiteres Bild zu lenken, auf noch eins und noch eins. Überall entdeckte er auf den ursprünglich menschenleeren Bildern Bewegungen, als wären all diese Bilder plötzlich bewohnt. Und da, in der schmalen Gasse, entdeckte er ihn: den Graumelierten, der bei ihm in der Galerie saß. Oder besser: Gesessen hatte. Denn da saß er nicht mehr. Friedrich hastete an den Bildern entlang, her und hin und hin und her. Er war sich nicht sicher, ob es möglich war, von einem Bild zum anderen zu wechseln. Und er wollte auf keinen Fall das Risiko eingehen, in einem anderen Bild zu landen als sie: Die blonde Frau von vorhin.

Dieser Text befindet sich zusammen mit Texten anderer Teilnehmer der Prosawerkstatt in der Anthologie „Der Schlüssel liegt unter dem Stein“.

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