Irgendwann war dieser Stoff da

Zum ersten Werkstattgespräch konnten wir Daniela Krien, Autorin von „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ (Graf Verlag 2011) gewinnen. Die Fragen zu Poetologie und Handwerk stellten Anna Kaleri, Teilnehmer der Prosawerkstatt und andere Gäste des Gesprächs am 29. Mai 2012 in der Prosawerkstatt.

Plötzlich war dieses Buch da. Plötzlich die Autorin Daniela Krien. Der Name ist noch nie vorher aufgetaucht. Fallen Meister vom Himmel?

Nein. Das gibt’s nicht. Zwar habe ich vorher nichts veröffentlicht, auch nie irgendwo teilgenommen, aber ich hab vorher natürlich geschrieben und zwar mindestens zwanzig Jahre lang. Ich wusste immer, dass ich schreiben wollte, schon als Kind. Aber ich wollte eigentlich keine Romane schreiben, sondern Gedichte. Irgendwann wurde die Form länger und länger. Die Gedichte waren letztlich immer kleine Geschichten. Irgendwann war dieser Stoff da. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ich kann mich trauen und damit nach draußen gehen. Vorher bin ich immer an meiner eigenen Kritik gescheitert. Ich hab alles gegen Null redigiert, was ich geschrieben habe.

Gegen Null redigiert heißt auch zerstören?
(lacht) Ja.

War der Stoff sofort da oder gab es Vorversuche, frühere Fassungen?
Erstmal war nur ein Bild da, das ich Kopf hatte, das Bild von einer bäuerlichen Familie, die in einem relativ dunklen Zimmer am Tisch sitzt. Nach und nach kristallisierten sich einzelne Gesichter heraus. Dann habe ich einen Satz aufgeschrieben: „Der Vater sitzt am Tisch.“ Der Vater war sehr präsent in diesem Bild. Aus diesem Satz hat sich der nächste ergeben. Die ersten Seiten waren irgendwie zwingend. Ich musste nichts konstruieren, sondern nur meinen eigenen Bildern folgen. Im Laufe der Handlung habe ich dann begonnen zu ordnen, aber im Grunde kam das einfach so. Das war irgendwie da.

Als Sie das Bild vor Augen hatten, haben Sie gleich Präsenz und die Ich-Perspektive gewählt?
Ich hab aus der auktorialen Perspektive begonnen:„Der Vater sitzt am Tisch.“ Das war aber nicht nah genug. Dann habe ich in die Ich-Form gewechselt, um extrem dicht am Gefühlsleben der Figuren zu sein.

Sie haben als Cutterin für eine Dokumentarfilmfirma gearbeitet. Spielt das in Ihre schreibende Tätigkeit hinein?

Das spielt stark rein. Bei mir kommt das Schreiben vom Bild und nicht umgekehrt. Ich erzeuge nicht aus Worten Bilder. Ich hab zunächst nur Bilder. Ich warte ab, was aus den Bildern passiert und am Ende ist es so, dass ein innerer Film läuft und ich schreibe diesem Film hinterher. Ich warte lang und geduldig, ob da was kommt und wenn nichts kommt, kann ich auch nichts schreiben. Aber wenn er läuft, ist es schwierig hinterher zukommen, weil ich nicht so schnell schreiben kann, wie alles passiert.

Ganz praktische Frage. Wie schreiben Sie denn, von Hand oder in den Computer?
Gleich in den Computer.

Mit allen Fingern?
Leider nicht. (lacht) Ich habe zwischenzeitlich versucht, es mir beizubringen, hab immer wieder aufgeben. Das ist schwierig, aber per Hand schreiben finde ich noch mühseliger. Wenn man ändern will, muss man so viel drin rum schreiben und das wird so chaotisch. Ich mache Notizen per Hand, aber ich glaube, ich werde nie einen Roman per Hand schreiben.

Bei Cutterin denke ich immer an Schnitte?
Ich warte, was da so passiert, was vor meinem inneren Auge abläuft. Irgendwann hört eine bestimmte Handlung auf. An dem Punkt kommt beim Schreiben ein Absatz oder ein neues Kapitel. Es kommt wieder von den Bildern. Die Schnitte sind extrem eng verbunden mit dem Kapitelende oder mit Absätzen, das hängt sehr stark miteinander zusammen. Ich glaube, dass es andere Wege gibt zu schreiben, aber das ist eben meiner.

Wie erzeugen Sie Atmosphären beim Schreiben?

Durch gut gewählte Orte. Das rohe Manuskript für dieses Buch habe ich zu Hause geschrieben. Ich hab mir den Raum verdunkelt. Ich hab eine Musik gesucht, die passte. Das war damals Mahler. Ich probier einfach so lange durch, bis eine Musik stimmig ist, und die muss ich über Kopfhörer hören, die darf nicht einfach durch den Raum schallen. Dann habe ich geschrieben. Ich hab in drei Wochen das rohe Manuskript geschrieben. Bei der Überarbeitung ging’s nicht mehr in diesem Raum. Er war komplett aufgebraucht. Ich konnte nicht einen einzigen Satz korrigieren. Ich hab dann verschiedene Orte gefunden, an denen es gut ging. Eins war Schloss Goseck in der Nähe von Naumburg, ein recht karger, abgelegener Ort, an dem ich ganz alleine war. Einsamkeit ist für mich wichtig. Ich kann niemanden sehen. Ich will nichts haben, was mich ablenkt. Ich will auch nichts lesen. Jedenfalls keine anderen Romane. Ich kann keine Prosa lesen, während ich schreibe und schon gar keine, die mir gut gefällt. Ich würde dann unwillkürlich beginnen, zu kopieren. Deswegen lese ich, wenn ich schreibe, nur Lyrik oder Philosophie.

Wie erzeugen Sie den Rhythmus in Ihrer Sprache?
Vor allem durch lautes Vorlesen beziehungsweise indem ich den Satz, den ich beabsichtige zu schreiben, vor dem Aufschreiben laut spreche. Dabei achte ich vor allem auf Länge und Intonation von Worten und Sätzen, und manchmal setze ich – wie in der Lyrik – Metren ein. Zum Beispiel auf Seite 62. (liest) „Farbe bröckelt in kleinen Stücken herab, und die Hände vom Henner sind rauh.“ Das ist ein klassischer Trochäus, also auf eine betonte Silbe folgt eine unbetonte.

Drei Wochen klingt nach einer orgastischen Entladung. Ist das normal für Sie?

Ich hab schon einmal einen Roman geschrieben, den ich weggeworfen habe. Den hab ich in vier Wochen geschrieben. Ich bin im herrlichsten Sommer nach Spanien gefahren und saß vier Wochen im Dunkeln. Ich weiß nicht, ob es normal ist. Es ist jetzt zweimal so gewesen. Bei dem Roman, an dem ich jetzt schreibe, ist das überhaupt nicht so.

Das eine landet in der Mülltonne, das andere wird ein Erfolg zwischen zwei Buchdeckeln. Was sind Ihre eigenen Qualitätskriterien? Woran haben Sie gemerkt, dass das eine nichts ist?
Es hatte sprachlich zu viele Mängel für mich. Das hätte man vielleicht lektoral ausgleichen können, aber es war in Teilen nicht glaubwürdig, da war einfach zu viel Konstruktion. Es war nicht authentisch. Etwas muss nicht wirklich passiert sein, das meine ich nicht damit. Als ich noch einmal drüber gelesen hab, habe ich gemerkt: Das geht so nicht, das kann so nicht gewesen sein. Weder in der Fiktion noch in der Realität. Dann hilft bei mir nichts, dann kann ich auch nicht überarbeiten. Es kann nur komplett weg. Entweder ein Manuskript ist in seinen Grundfesten schon beim ersten Mal stimmig. Dann kann, muss man daran arbeiten. Aber wenn das nicht ist, hat es keinen Sinn.

Wie sieht das Verhältnis von Realität und Fiktion in Ihrem Roman aus?
Ich würd sagen, das ist ungefähr Dreißig zu Siebzig. Dreißig Prozent Realität und der Rest Fiktion. Es gibt einige tatsächlich erlebte oder gehörte Dinge, die sich mit Sicherheit auch so irgendwie abgespielt haben, viele Geschichten, die man in Dörfern ständig hört. Ein paar ganz konkrete Dinge, wie dieser Autounfall, der mit meiner Mutter und mit meinem kleinen Bruder passiert ist, das ist etwas, wo viele denken, das kann ja nicht sein. Und genau das ist nun gerade wirklich passiert…. Ich kann keinen Roman ganz erfinden. Ich kann auch keine Figuren komplett erfinden. Jede Figur ist irgendwo angelehnt an jemanden, den ich kenne oder jemanden, von dem ich gehört habe oder sie hängt mit mir selbst zusammen. Wenn man da die richtige Mischung findet, dann kann eine große Glaubwürdigkeit entstehen.

Bei den dreißig Prozent Realität, kann es sein, dass Figuren, die auch reale Menschen sind, sich in gewissen Zügen wieder erkannt haben?
Ja, das war so.

Und wie haben Sie reagiert?
Sehr verschieden. Meine Mutter hat sich in bestimmten Zügen wiedererkannt. Sie hat lustige Sachen gesagt wie „Niemals hatte ich so dünne Beine!“ (Lachen) –„Das bist auch nicht du.“ – „Das steht da!“ Sie hat am Ende schon gemerkt, das viel in diese Mutterfigur reingeschrieben ist, die wiederum nichts mit ihr zu tun hat. Das war eigentlich eine ganz positive Reaktion. Es gibt aber auch einen Jugendfreund, der sich in dieser Figur „Johannes“ wiedererkannte. Er hat bestimmte Ähnlichkeiten. Und er war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob ich ihm wirklich treu gewesen bin. Ich habe ihm versichern müssen, ihn nicht betrogen zu haben. Es war tatsächlich schwierig, ihm klar zu machen, wie ein Schriftsteller arbeitet: Dass man das echte Leben schon benötigt und da etwas wegnimmt. Man benutzt Menschen in gewisser Weise, wenn man sie nicht fragt, natürlich. Wenn man Charakterzüge entlehnt von tatsächlich lebenden Menschen oder echte Erlebnisse, dann ist es schon in gewisser Weise ein Rauben. Das ist auch moralisch bedenklich. Man muss sehr behutsam vorgehen mit den Personen, die das betrifft. Ich hab das versucht und das Manuskript herum gereicht. Das heißt aber nicht, dass einem am Ende noch alle wohl gesinnt bleiben.

Spannend ist für mich auch die Frage um den Henner, ob es ihn wirklich gibt. Mich würde ja als Autorin diese Frage nerven…
Das fragen immer alle, ja… Es gibt, es gab einen Mann im Nebenort, den ich interessant fand, vom Anschauen her. Er war sehr attraktiv, aber auch ein schwerer Alkoholiker, er sah sehr gut aus (lacht verschmitzt), war um einiges älter und um den rankten Legenden, von denen ich bis heute nicht weiß, was von ihnen Wahrheit ist und was Einbildungskraft der Dorfbewohner. Er ließ seinen Hof herunter kommen, lebte mit seiner alten Mutter dort, hatte – so wurde gemutmaßt – viele Frauengeschichten. Jedenfalls wusste keiner genau, was mit diesem Mann los war, warum er so zerbrochen war. Auch ich weiß es bis heute nicht. Ich habe ihn nie kennen gelernt, aber ich habe ihn oft beobachtet. Ich habe damals schon viel aufgeschrieben und etwas hinein gedichtet. Es war schon eine geheimnisumwitterte Figur, die man nehmen und der man alles hineinschreiben kann.

Ist es wirklich eine häufig gestellte Frage, ob das etwas mit Ihrem Leben zu tun hat?
Das ist die häufigste Frage. Die Leute fragen das immer, ist das ihr Leben? Sie sind in der Regel enttäuscht, wenn man dann sagt: Diese Liebesgeschichte hab nicht ich erlebt, vielleicht irgendwas ähnliches, aber so nicht; es ist nicht meine Geschichte. Was ändert das, ob der Autor das erlebt hat oder nicht. Vielleicht ist es einfach die Neugier, über das Buch etwas über das Leben des Autors zu erfahren. Wenn der Autor zugibt, etwas selbst erlebt zu haben, ist man ihm wieder ein Stück näher. Das ist eine Form von Nähe-Erzeugen zum Schriftsteller, der diese Neugier auslöst.

Ich könnte mir gar nicht vorstellen, eine Geschichte vollkommen authentisch zu schreiben…
Wenn man eins zu eins sein Leben beschreibt, dann fehlt in der Regel der Abstand und die Dramaturgie. Das eigene Leben ist oft etwas profaner. Im Roman ist eine Verdichtung da, die Dramaturgie, der Spannungsbogen, den man im ganz normalen Leben so nicht hat. Da geht’s eben oft nicht hoch bis zum Höhepunkt.

Was muss denn ein Autor mitbringen in Ihren Augen?
In erster Linie große Lust am Schreiben. Es muss absolute Notwendigkeit sein. Jedenfalls ist es bei mir so. Ohne Schreiben kann ich mir nicht vorstellen zu leben. Es ist eine Grundvoraussetzung, dass man es tun muss. Dann ist es eine Mischung aus Handwerk, das man lernen muss, und einer Portion Talent und sehr sehr viel Übung. In die Übung fällt das ganz klassische Handwerk des Schreibens. Man muss lernen mit Sprache umzugehen, einen Spannungsbogen aufzubauen, Spannung zu halten, man muss die Fäden der Figuren in der Hand behalten. Das klingt banal, aber man muss sich tatsächlich die Geburtsdaten der Figuren aufschreiben, man darf nichts verwechseln. Die Figur darf nicht plötzlich ein Jahr später geboren sein oder im Sommer statt im Winter.

Legen Sie sich eine Kartei an oder wie behalten Sie alles im Blick?
Ich hab ein Notizbuch dazu und schreib mir zumindest alle Geburtsdaten, eine Kurzbiografie und die verwandtschaftlichen Beziehungen und natürlich alle Namen auf. Das mach ich aber erst im Schreibprozess, weil ich in der Regel nicht alle Figuren vorher kenne, sondern da kommt immer eine Figur nach der anderen hinzu.

Es klingt so, als seien Sie Autodidaktin. Wie haben Sie sich denn das Handwerk angeeignet?
Durch extrem viel lesen und daraus bestimmte Schlüsse ziehen. Ich habe keine Handbücher gelesen, aber ich habe sehr früh sehr viel gelesen und nach dem Try-and-Error-Prinzip geschrieben. Wenn man selbst kritisch genug ist, wird man feststellen, was ein guter und was ein schlechter Text ist.

Wie kann man denn eine objektive Distanz herstellen?
Früher oder später braucht man schon eine Außenmeinung. Vielleicht nicht gleich zu Anfang, weil die ersten Versuche bis auf Ausnahmen nicht so gut ausfallen. Man könnte schnell entmutigt werden, wenn man jemandem einen noch nicht fertigen Text gibt. Erst wenn man das Gefühl hat, es ist ein Text, der Potential hat, dann ist es natürlich gut, jemanden zu haben, der einem weiter hilft. So jemanden hatte ich nicht, aber es wäre vielleicht ein bisschen schneller gegangen.

Wer darf denn Ihren Text zuerst lesen und wie gehen Sie mit der Kritik um?
Vor diesem Text durfte niemand meine Texte lesen. Das heißt, doch, einen Freund gab es, vor etwa zehn, zwölf Jahren, der mich damals ermutigte, weiter zu üben. Er sah ein gewisses Potential. Bei „Irgendwann…“ war es so, dass mein damaliger Lebenspartner und meine beste Freundin den Text lesen durften. Die Kritik habe ich sehr ernst genommen. Sie war auch fachlich gut und ich hab sie angenommen und die entsprechenden Stellen geändert. Was immer wieder passiert, sind zu viele Adjektive, Beschreibungen, Metaphern. Das rutscht wahnsinnig schnell ins Kitschige ab. Sie zu streichen hat meinem Text sehr geholfen. Dann ein paar kleine grammatikalische Fehler. Bevor man einen Text verschickt, sollten möglichst alle bereinigt sein.

Wie sind Sie beim Feinschliff des Romans vorgegangen?
Bei der Überarbeitung eines Textes gehe ich Satz für Satz vor, Wort für Wort. Ich prüfe Syntax, Ausdruck, Rhythmus, Sprachmelodie und ganz zum Schluss die Grammatik und Orthographie. Das ist mühselig und langwierig und dauert unter Umständen länger als das Schreiben des Manuskripts in Rohform. Doch ohne diese Genauigkeit und Strenge sich selbst gegenüber bleibt man im Mittelmaß hängen.

Wie ging’s denn dann weiter?
Als der Text für mich soweit fertig war, hab ich ein Exposé geschrieben, einen Textauszug rangeheftet und an zehn Verlage geschickt. Es kam auch von zehn Verlagen wieder zurück. Bei einigen Verlagen hat es länger gedauert, von anderen kam es sofort zurück mit Standardabsagen. Daran hab ich gemerkt, dass es nicht funktioniert, unaufgefordert ein Manuskript einzuschicken, außer man hat schon einen Namen. Dann gelangte es über drei Ecken an Tanja Graf. Sie war gerade auf der Suche und hat es gelesen und rief zwei Tage später an. Das war ein bisschen traumhaft. Das Telefon klingelte, ich war gerade mit meinen lärmenden Kindern beschäftigt, und sie sagte: Ich möchte gern Ihr Manuskript kaufen.

Wie organisieren Sie sich Ihre Freiräume zum Schreiben?
Als ich das geschrieben habe, war ich noch nicht mit meinen Kindern allein und konnte des Öfteren wegfahren. Diese Freiräume habe ich intensiv genutzt. Die Umstände haben sich geändert. Man muss extrem diszipliniert sein und die Zeit, in der die Kinder nicht da sind, intensiv nutzen und nicht den Haushalt machen, sondern sich hinsetzen und schreiben, was schwierig ist, wenn man nicht sofort in die Stimmung kommt.

Das Telefonat war ja erst der Anfang von einer ganzen Kette auf dem Weg zum Buch. Der Vertrag ist ein Zwischenschritt, aber auch beispielsweise die Titelfindung. Wie war das denn bei „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“?
Ich hatte einen Arbeitstitel, den ich auch behalten wollte, er hieß „Zinnober“. Einerseits ist es dieses kräftige Rot, andererseits heißt es „Aufruhr, Umwälzung“ und das fand ich für diese Geschichte sehr passend. Aber es ist natürlich auch schwer symbolisch und ein Leser, der das Buch in die Hand nimmt, verbindet damit zunächst erst mal wenig. Also hat der Verlag sofort vorgeschlagen, den Titel zu ändern, womit ich sehr unglücklich war. Dann habe ich aber eingesehen, dass ein anderer Titel vielleicht günstiger wäre. Wir haben dann gemeinsam gesucht und den jetzigen Titel gefunden. Er ist wiederum abgeleitet von einem Zitat aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“, das im Buch vorkommt. Am Ende war ich froh, dass wir es so gemacht haben. Ich hätte auf meinem Titel auch ohnehin nicht bestehen können, ich glaube, der Verlag hätte darauf gedrängt. Es ist immer schwierig, die künstlerische Integrität zu wahren und Kompromisse zu finden. Kompromisse muss man eingehen, das habe ich auch spüren müssen. Meine Hauptfigur hieß am Anfang Heide, das war der schmerzlichste Eingriff. Ich hab da durchaus mit dem Verlag gerungen, aber erfolglos.

Wie ist denn das beim Schreiben, schreiben Sie chronologisch?
Bei diesem Buche habe ich rein chronologisch geschrieben, ein Kapitel nach dem anderen.

Ich habe mich immer gefragt, wie Sie das auflösen.
Das habe ich mich auch gefragt. (Lachen) Ich wusste es bis kurz vorm Schluss nicht. Das ist ein Abenteuer, und es ist auch hart, am Ende loslassen zu müssen. Ich wusste natürlich, dass diese beiden nicht harmonisch zusammen leben können bis an ihr Lebensende. Aber dass es dann so hart und abrupt endet, dass musste für mich so sein. Aber damit hatte ich ein paar Tage zu kämpfen.

Ist es nicht im Leben so, dass solche Dinge wie die geheime Affäre rauskommen und eine Familie richtig zerstört?
Das ist eine Erfahrung in meinem Leben: So viele Dinge kommen eben nicht raus. Ganz viele Lügen in Familie bleiben genau da, wo sie sind. Selbst wenn jemand die Wahrheit ausspricht, wird sie übergangen, wiederum unter den Teppich gekehrt. Derjenige, der sie ausspricht, der Überbringer der schlechten Nachricht, wird ausgeschlossen. Es gibt Dinge, die im Grunde jeder weiß, aber keiner spricht sie aus, denn dann würde die Familie zerbrechen. Selbst, wenn es ein fragwürdiger Schutz ist – das hält die Familie zusammen.

Haben Sie ein Credo?
Wenn ich beginne, ziellos zu mäandern, schaue ich auf einen Zettel, der an meinem Schreibtisch hängt. Auf ihm stehen folgende Worte: Kargheit, Präzision, Tiefe, Ehrlichkeit.

Gespräch am 29.5.2012 mit Daniela Krien in der Prosawerkstatt Leipzig.
Foto: Hannah Ferlemann. Moderation und Transkription: Anna Kaleri

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4 Antworten auf Irgendwann war dieser Stoff da

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  3. Jana sagt:

    Danke! Danke, Danke. War wirklich traurig, nicht dabei sein zu können.

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