„Wenn Sie ein Adjektiv sehen

…bringen Sie es um“, empfahl Mark Twain. Etwas praktikabler war die Handlungsanweisung des französischen Zeitungsverlegers Georges Clemenceau an seine Journalisten: „Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.“
Warum stehen im literarischen Schreiben Adjektive so weit oben auf der Abschussliste? Brauchen wir sie nicht?
Im Vergleich: Die Sprache der Wissenschaft und der Nachrichten ist von Substantiven (Nomen) und Substantivierungen geprägt (so genannter Nominalstil). Das Phänomen der Substantivierung scheint ein typisch Deutsches zu sein. Neulich las ich ein Hinweisschild an einem Gästehaus. Dort stand „Schlüsselübergabe“ und als englisches Pendant „How to get the key“. Der Nominalstil erweckt den Eindruck der Unumstößlichkeit, des Faktischen, Rationalen. Bei Texten, die nicht in erster Linie Fakten übermitteln, wirkt dieser Stil allerdings hölzern und leblos. Lebendiger, im Sinne von aktiver, wirken Texte, in denen Verben vorherrschen (so genannter Verbalstil). Verben sorgen dafür, dass ein Text plastischer und wärmer erscheint. Überboten an Plastizität werden beide Stile durch den Adjektivstil, von dem man bei einem deutlichen Vorhandensein von Adjektiven und Adverbien spricht. Diese Wortart wirkt wertend, beschreibend, präzisierend. Es macht nicht wenig aus, ob ein Unglück klein oder groß ist, nur bei winzig kleinen oder ungeheuer großen Unglücken sollten die Alarmglocken läuten. Immer wenn zwei oder mehr Adjektive hintereinander stehen, besteht die Gefahr der Relativierung oder gar Auslöschung. In der Umgangssprache relativieren wir ständig. Wirklich, ein bisschen, vielleicht, ziemlich sind Relativierungen, die man in der literarischen Sprache höchstens braucht, um in der gesprochenen Rede eine Figur zu charakterisieren. Ansonsten darf der Erzähler behaupten ohne sich selbst anzuzweifeln. Für den Moment des Textes muss die Behauptung wahr sein, begründet und glaubwürdig, das heißt, in seine Erzählung eingebettet. „Das Essen war lecker“ gehört, wenn der Satz losgelöst steht, zu den leeren Behauptungen.
Für gelingende Beschreibungen von Figuren, Situationen und Settings sind Adjektive unerlässlich. Literarische Texte leben geradezu von der atmosphärischen Beschreibung. Es kommt nur auf die Dosis an. Nehmen Sie einmal eine Seite eines Textes und löschen Sie alle Adjektive. Lesen Sie dann den Text. An den Stellen, an den die gelöschten Adjektive schmerzlich fehlen, fügen Sie sie wieder ein.
Im Deutschen gibt es allein 240 primäre Adjektive. In einer Sprache der Einwohner von Papua-Neuguinea kommt man mit fünf Adjektiven aus: groß, klein, gut, schlecht, andere. Ein bisschen subtiler wollen wir es in der Literatur schon haben. Dazu noch mal Mark Twain: „Benutzen Sie das richtige Wort, nicht seinen zweiten Cousin.“

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